SCHRIFTzeichnen — Bernd R. Bienert

Odeon, Wien, 4. und 5. Februar 2010

19.12.2009 von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

In seinem Studio erarbeitete Bernd Bienert immer neue Konzepte zur Belebung des Bühnenraums. Seit den Achtzigerjahren bricht er konsequent mit Traditionen und Sehgewohnheiten.

Bernd Roger Bienert ist einer der kreativsten Köpfe der österreichischen Musiktheaterszene. Ungerührt von der Anämie, die in Sachen Bühnenoptik hierzulande herrscht, entwickelt er seine Konzepte. Sein jüngstes „Work in Progress“ hat in Wien und (gestern Abend) in St. Pölten bereits Staunen erregt. „Ich wollte“, sagt Bienert bei unserm Besuch, „diesmal nicht Musik als Grundlage für den Tanz nehmen, sondern die traditionelle Gebärdensprache, die für Gehörlose ja eine ganz konkrete Bedeutung hat“. Sie wird den Zuschauern am Beginn der Performance auch erläutert – danach wird ein vorgegebener Text mittels Gebärdensprache „übersetzt“. Aus den Bewegungen der Hände fließt die Choreografie: „Die Tanzbewegungen verschmelzen mit der Gebärdensprache, wir führen sie in den dreidimensionalen Raum.“

Selbst Komponisten, die Bienerts Kreation sahen, merkten an, dass die Überhöhung in eine neue Dimension sogar einen virtuellen musikalischen Raum zu erschaffen imstande ist. Bienert: „Jeder hört seine eigene Musik. Das ist das Reizvolle. Der Zuschauer wird auf die Weise Teil der Performance.“ So kann der Künstler, wie er sagt, „auch selbst komponieren. Wenn etwa ein Tänzer ein Wort des Öfteren wiederholt, während die anderen bereits einen ganzen Satz bilden.“  Was wir machen, geht von konkreten Wortbedeutungen aus. Es gibt einen konkreten Text, der durch einen Körper hindurchgeht und sich dadurch verändert. Vielleicht kann man es am besten mit einer Partitur in der Musik vergleich: Da ist ein Notentext gegeben, der interpretiert werden muss, um zum Klingen zu kommen.

Am 25.Jänner wird Bienert seine Arbeit in Washington (österreichisches Kultur-Forum) vorführen, nachdem Videos von seinen früheren Stücken gezeigt wurden. Ein Tänzer vom Washington Ballet studiert ein Video der Wiener Erstaufführung und erarbeitet mit Bienert dann seine eigene Soloversion. Im Frühjahr folgt im Wiener Odeon eine Realisation mit mehreren Tänzern. Bienert: „Das Stück lebt jeweils auch vom Erfahrungsschatz der Tänzer – es kann sozusagen mit mehreren Sprachfärbungen aufgeführt werden und wird sich je nach Aufführungsraum verändern. Wie Musik in unterschiedlichen Konzertsälen...“